A Song of Ice and Fire

„Hier gehts auch nicht weiter!“ – verdammt, wie sollen wir jemals wieder aus diesem Spaltenlabyrinth finden? Langsam macht sich in mir Panik breit. Trotzdem ramme ich meine Steigeisen in das steile Eis und hoffe, dass sie halten. Was bleibt mir auch anderes übrig. Wir müssen den selben Weg wieder zurück, trotz müden Beinen, einige hundert Meter weiter der Mittelmoräne folgen, um weiter unten erneut einen „Durchstieg“ zu versuchen…

24 Stunden früher: zusammen mit einer Horde asiatischer Touristen steigen wir am höchstgelegenen Bahnhof Europas aus der Jungfraubahn. Wenige Meter unter dem Jungfraujoch verlassen wir die ausgetretenen Spuren im Schnee und seilen uns an. Unser Ziel liegt in südlicher Richtung, rund 800 Höhenmeter tiefer: der Konkordiaplatz, eine 6 km² grosse Eisfläche, wo der Jungfraufirn, der Grosse Aletschfirn und das Ewigschneefeld zusammenfliessen und so die Geburtsstäte des Grossen Aletschgletschers bilden.

Wir merken rasch, dass die Bedingungen nicht ideal sind. Der erste Neuschnee der Saison macht die Durchquerung der Spaltenzone zu einem Eiertanz: die dünnen Schneebrücken halten nie und nimmer, vor jedem Schritt gilt es mit dem Wanderstock zuerst das Terrain zu testen und nicht selten können wir danach meterweit in tiefe Spalten runter sehen. So kommen wir zunächst nur langsam voran; die dünne Luft hier oben tut ihr übriges. Je weiter wir absteigen, desto leichter fällt aber das Atmen und bald schon ist auch der Gletscher aper. Auf dem Eis haben sich Bäche von Schmelzwasser gebildet – dabei ist es eigentlich gar nicht so warm. Ich male mir aus, wie es hier im Hochsommer aussehen muss und einmal mehr wird mir die Vergänglichkeit des „ewigen“ Eises bewusst. Ich bin unendlich dankbar, dass ich diese Gletscherwelt noch erleben darf. Auf dem Konkordiaplatz zu stehen und dieses 360-Grad-Gletscherpanorama zu bestaunen, ist einfach unbeschreiblich!

Hoch über dem Eis thront die Konkordiahütte SAC, welche mittlerweile nur noch über eine abenteuerliche Metalltreppe erreicht werden kann, die jährlich verlängert werden muss. Stufe um Stufe verfluche ich meinen 13kg schweren Rucksack – die Hütte erreiche ich wohl nur dank Hilfe meiner beiden „Sherpas“. Bei einem leckeren Abendessen geniessen wir den Sonnenuntergang an diesem Logenplatz und fallen bald darauf müde ins Bett.

Der Wecker klingelt noch vor Sonnenaufgang und ich richte mich bei frostigen Temperaturen am gestern aufgesuchten Spot ein. Und warte. Und warte. Und warte. Nichts scheint sich zu tun, der Himmel langweilig, bewölkt, grau in grau. Ich will schon fast zusammenpacken und mir im Frühstücksraum einen warmen Kafi genehmigen, als sich plötzlich die ersten Wolken rot färben. Und nun geht alles extrem schnell: die Bergspitzen beginnen zu leuchten, der Himmel brennt und ich weiss kaum mehr, in welche Richtung ich fotografieren soll! Nach wenigen Minuten (oder waren es bloss Sekunden?) ist das Spektakel vorbei, doch ich weiss wieder, warum ich die 13kg diese verfluchte Treppe hochgeschleppt habe!

Nach dem Frühstück folgt ein nicht zu unterschätzender Morgenspaziergang hinunter zum Gletscher; dieses mal nicht über die Treppe, sondern über einen tollkühn durch den Felsen angelegten, luftigen Pfad. Zurück auf dem Eis sehen wir bereits von weitem unser Zwischenziel, das Eggishorn, an dessen Fusse der Märjelensee liegt. Es sollte aber noch ein paar Stunden dauern, bis wir an den vermeintlichen Punkt kommen, wo wir den Gletschter verlassen und auf den Bergweg wechseln können. Nach den einleitend geschilderten Erlebnissen müssen wir feststellen, dass der Klimawandel wohl schneller voran tritt als Swisstopo ihr Kartenmaterial aktualiseren kann – jedenfalls stimmt unser GPS-Track hinten und vorn nicht mehr, lotzte er uns doch direkt in die erwähnte Spaltenzone. Mit einem grosszügigen Umweg gelingt uns schliesslich der „Ausstieg“ doch noch. Zur Belohnung finde ich noch ein schönes Gletschertor, in dem ich mich wegen der fortgeschrittenen Jahres- und Tageszeit allerdings nicht lange aufhalte. Schliesslich haben wir sowieso noch eine beachtliche Wanderstrecke zur Fiescheralp vor uns und müssen uns fast schon ein bisschen beeilen, um nicht die letzte Gondel zu verpassen…

Fotos

GPS Track

 

Making-Of & Handy-Bilder

2 Comments

  1. 11. September 2017
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    Hallo Mel. Schön geschriebener und interessanter Bericht und dazu noch diese Fotos… wunderbar! Willst du dein Rucksack mal mit etwas weniger Glas/Equipment beladen, dann weisst du ja wo du fündig wirst..;). Liebe Grüsse, Oliver

    • 11. September 2017
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      …haha, ja daran habe ich unterwegs in der Tat ein paar mal gedacht!!! Muss jetzt dann mal mit dir und/oder Nel losziehen und mir das System von Nahem anschauen 🙂

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