Wintermagie zwischen Orcas und Polarlicht

Ich stehe an Deck, der kalte Wind peitscht mir ins Gesicht und treibt mir Tränen in die Augen. Trotzdem starre ich auf das Meer, das dunkel und ruhig unter mir liegt. Plötzlich taucht eine Rückenflosse auf, kurz darauf noch eine – Orcas, so nah, dass ich ihren Atem hören kann! Über uns liegt ein winterliches Licht, weich und pastellfarben, als würde der Tag nie ganz beginnen. Was er de facto auch nicht tut – denn wir sind in Nordnorwegen, während der Polarnacht. Alles fühlt sich hier konzentriert an: Wale, Adler, Berge und Himmel rücken näher zusammen. Zwischen Polarnacht und Polarlicht entstehen Momente, die mich bis heute begleiten und sich in meiner Erinnerung verankert haben…

Vergangenen September in Spitzbergen plauderte ich immer gerne mit der Crew der MS Virgo, um mein Schwedisch etwas aufzufrischen. Dabei erfuhr ich eines Tages, dass unser “Mothership”, wie wir die Virgo gerne nannten, nach unserem Trip ans Festland segelt, dort zuerst in Revision geht und im November dann die Orca-Trips rund um Tromsø beginnen. Sagte sie Orcas?! Ich war sofort hooked! 

Die “Wölfe des Meeres”, wie die kanadischen First Nations die Orcas gerne nennen, üben seit jeher eine grosse Faszination auf mich aus. Und so gerne ich jederzeit auch wieder nach Kanada reisen und die Pods in der Johnstone Strait besuchen würde: Norwegen klingt nicht nur wegen der viel kürzeren Distanz sehr verlockend. Mich reizt vor allem auch die Jahreszeit, denn die Orcas (und mit ihnen übrigens auch immer mehr Buckel- & Finnwale) folgen dort den Heringsschwärmen, die typischerweise zwischen November und Januar in gigantischer Menge durch die Fjorde schwimmen. Im arktischen Winter also. Ja, der kann kalt sein, aber wer dieses absolut fantastische Licht und die daraus entstehenden Stimmungen schon mal selber erlebt hat, dem muss ich nicht erklären, weshalb es mich immer wieder – und besonders auch im Winter! – in den hohen Norden zieht…

Eine weitere Besonderheit, von der ich bisher nirgends anderswo gehört hätte, ist die Möglichkeit, mit den Orcas zu schnorcheln. Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal so Herzklopfen hatte wie in dem Moment kurz bevor ich erstmals auf dem Rand des Zodiac sass, die Flossen knapp über der Wasserkante, die Kamera im Untwerassergehäuse schussbereit und die Hand zur Sicherheit an Maske & Schnorchel fixiert. “Go, go, go!” ruft der Guide hinter mir und ich gehorche, lasse mich ins kalte Wasser gleiten und es verschlägt mir buchstäblich den Atem. Ob es die Kälte war oder der schiere Fakt, dass einfach keine Armlänge von mir entfernt ein Orca (!) vorbei schwamm – ich weiss es nicht mehr. Was ich rückwirkend allerdings noch gut weiss: am meisten fasziniert hat mich, wie gut und oft man die Tiere unter Wasser kommunizieren hört. Es ist eine ständige Interaktion unter den verschiedenen Pods, aber auch wir Schnorchler werden immer wieder neugierig abgecheckt.

Das Fotografieren unter Wasser fällt mir allerdings zugegeben etwas schwer. Einerseits ist es wirklich verdammt dunkel (Mitte November gibt es schlicht kein direktes Sonnenlicht mehr) und andererseits bin ich einfach hoffnungslos überfordert, wie viel und wie schnell alles passiert. “Fishsoup” sagt einer der Guides mal treffend – und für mich die absolute Reizüberflutung. Am ersten Tag ist dieses Bild das einzige vorzeigbare, was mir gelingt:

Orca in den schönsten Farben und einem Licht, wie es nur der arktische Winter zaubern kann

Das Foto entstand tatsächlich mit dem Weitwinkel aus dem UW-Gehäuse heraus. Aber offensichtlich über Wasser, also vom Zodiac aus. Vielleicht versteht ihr meine Gefühlslage in dem Moment: während ich durch meine Taucherbrille in die Dunkelheit starrte, spielt sich oberhalb der Wasseroberfläche das schönste Lichtspektakel ab. Yep, klassische FOMO! Ich entscheide also, tags darauf nicht schnorcheln zu gehen, sondern mit dem Tele vom Zodiac aus zu fotografieren. Und hoffte inständig, nochmals solch gute Bedingungen zu haben…

Dazu muss ich vielleicht kurz zeigen, wie wir für diese doch recht harten Bedingungen ausgerüstet sind: die Basis bilden mehrere Wärmeschichten, bei mir typischerweise Icebreaker, genau so als wäre ich in den Alpen unterwegs. Darüber kommt ein Thermo-Overall, der vom Veranstalter gestellt wird. Und da drüber dann entweder der Trocken-Tauchanzug mit Neopren-Kopfhaube und -Handschuhe (sprich: Kopf und Hände werden beim Schnorcheln nass, der Rest bleibt trocken). Oder ein Ganzkörper-Anzug ähnlich jener, die man auf Schneemobilen trägt, plus Schwimmweste und die eigenen Handschuhe & Mütze (…hier schwöre ich natürlich wie immer auf TheHeatCompany!). Dieser Anzug ist wind-, schnee- und regenfest, aber natürlich kann man damit dann nicht spontan doch ins Wasser zu den Walen hüpfen. Mit dem Trockenanzug hingegen ist man über Wasser ziemlich eingeschränkt in der Mobilität, was einerseits an den Flossen und andererseits an den Neopren-Handschuhen liegt. Fotografieren mit dem Tele wäre mit diesen ein Ding der Unmöglichkeit (plus, da sie ja nass sind, auf Dauer sicher auch nicht so gesund für die Kamera…). Und nein, man zieht die nicht mal eben schnell aus und wieder an, glaubt mir… Long story short: man muss sich jeden Tag entscheiden “will ich heute ins Wasser oder vom Boot aus fotografieren?”.

Ich habe mich also die folgenden Tage für die Fotografie und gegen das Schnorcheln entschieden. Und es hat sich gelohnt: die Lichtstimmungen waren fantastisch und die Begegnungen mit den Orcas und Buckelwalen eindrücklich. Auch die norwegische Landschaft ist einfach wunderschön und wir hatten das Glück, dass die Berge mit Neuschnee der letzten Tage frisch verzuckert waren. Diesen einzigartigen Lebensraum habe ich versucht einzufangen, in dem ich oft auch mit etwas kürzeren Brennweiten gearbeitet habe. Ich mag einfach diese Tier-in-Landschaft – Bilder und kann nun auch einige davon mit Walen in mein Portfolio integrieren, was mich sehr freut. Auch an den Seeadlern hatte ich Freude, obwohl sie auch hier – wie eigentlich überall, so sie nicht explizit angefüttert werden – erstaunlich scheu sind. Das ein oder andere Bild hats aber trotzdem gegeben:

Seeadler

Im Vorfeld haben mich Leute, denen ich von der geplanten Reise erzählt habe, immer wieder erstaunt gefragt, ob ich denn nicht Angst hätte vor den Orcas? Meine Antwort war vorher und ist auch jetzt im nachhinein klar Nein. Warum sollte sich ein Orca die Mühe machen, einen (…in etwa 5 Schichten Kleidung gepackten…) Menschen zu snacken, wenn er doch einen Überfluss an leicht verzehrbarem Hering hat? Ein bisschen anders sehe ich die Sache bei den Buckelwalen. Zwar haben diese friedlichen Giganten trotz ihrer Grösse etwas sehr anmutiges an sich. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Situation, die ich sogar mit dem Handy festgehalten habe, als zwei Tiere uns längere Zeit gefolgt und gekreuzt sind, in dem sie mehrfach unter unserem Zodiac durch tauchten. Oder wie sie manchmal einfach in unmittelbarer Nähe von an der Wasseroberfläche chillen. Es gibt aber eine ganz bestimmte Situation, die mir unheimlich war: Orcas bilden manchmal mit dem Hering einen sogenannten “Baitball”, in dem sie ihre Beute einfach einkesseln, bis der Schwarm eine Kugel bildet, aus der sich die Jäger dann ihre Snacks rauspicken können. Im Gegensatz zu den Orcas gehören die Buckelwale aber nicht zu den Zahnwalen, sondern zu den Bartwalen. Und deren Jagdtechnik beruht im Wesentlichen darauf, ihren riesigen Mund einfach zu öffnen, alles reinzupferchen und das Wasser mit Hilfe ihrer Barten wieder rauszufiltern. Und jetzt stellt euch vor, so ein Buckelwal entdeckt einen von Orcas gebildeten Baitball über sich! Der denkt sich “Jackpot”, öffnet den Mund und taucht senkrecht in den Ball hoch – ob da nun noch Schnorchel runtergaffen oder nicht. Genau so eine Situation mit gleich zwei Buckelwalen konnte ich vom Zodiac aus beobachten (und geistesgegenwärtig sogar festhalten). Das war wirklich sau knapp – wäre ich dort im Wasser gewesen, wäre der Trockenanzug wohl nicht mehr trocken geblieben…

Zwei Buckelwale beim Lunge Feeding. Und zwei Schnorchler, die mehr als Glück hatten…

Man nennt das übrigens “Lunge feeding” und es ist eine der wenigen Gelegenheiten, Buckelwale (zumindest teilweise) über Wasser zu sehen. Die zweite, fast noch spektakulärere, Gelegenheit sind sogenannte “Breachings”, also wenn die Wale quasi ruckwärts zum Wasser rausspringen und sich auf den Rücken knallen lassen. Aber das machen sie scheinbar nur in den Tropen zur Paarungszeit, hier oben nicht, meint unser Guide. Bis auf die rund 6 (!) Mal, wo wir es sehen dürfen! Auch Orcas breachen manchmal, oder hüpfen gar komplett aus dem Wasser, wie man es von Delfinen kennt (Orcas sind eigentlich auch die grössten Vertreter der Delfin-Familie). Und was sie ganz oft machen, insbesondere die Jüngeren, sind sogenannte “Spy Hops”: einmal kurz den Kopf senkrecht zum Wasser raus strecken und uns oder die Umgebung abchecken. Ich liebe dieses typische Verhalten und hab mich riesig gefreut, als ich es endlich auch mit einer schönen Komposition erwischt habe. Ich denke, es ist mein Lieblingsbild des gesamten Trips:

Spy Hopping Orca

Dies sind nur einige der eingangs erwähnten unzähligen, wunderschönen Momente, die wir im arktischen Norwegen erleben durften. Ich erinnere mich beispielsweise noch genau an dieses Gefühl, mit dem Zodiac über das Wasser zu gleiten, die Augen wegen dem peitschenden Wind zukneiffen zu müssen, aber trotzdem sicher zu sein, dass uns links und rechts die Orcas begleiten. Oder wie wir, um dem ganzen Trip noch die Krone aufzusetzen, am letzten Abend nach dem Essen vom Schiff aus die Nordlichter tanzen sehen konnten. Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was wir die kommenden Tage an Land noch erleben dürfen…

Nordlicht am letzten Abend – die Krönung eines unvergesslichen Trips an Board der MS Virgo!

Bis dahin schliesse ich diesen Blogbeitrag aber ab mit ein paar weiteren Impressionen und hoffe, ich konnte auch die Faszination des arktischen Winters etwas in die warme Stube transportieren! Ich wünsche euch schöne & erholsame Festtage – geniesst die ruhige & besinnliche Jahreszeit. Und viel Spass beim Betrachten der folgenden Bilder:

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