Alpinwanderung der Extraklasse

Heute habe ich mal wieder einen Wandertipp für euch! Der Glacier Trail zwischen Saas Fee und Mattmark führt durch hochalpines Gelände und wartet mit spektakulären Bergpanoramen, einer sympathischen SAC Hütte und – mit etwas Glück – tierischen Begegnungen auf. Viel Spass beim Lesen & Betrachten!

Es ist noch relativ früh am Morgen, doch die Sonne brutzelt schon erbarmungslos auf uns nieder, als wir durchs Dörfchen Saas Fee zur Talstation spazieren. Eigentlich wollten wir unsere Wanderung von Plattjen aus starten, aber leider hat diese Seilbahn offenbar keinen Sommerbetrieb mehr. Und um die 700 zusätzlichen Höhenmeter zu Fuss zu gehen, dafür ist es mir einerseits zu heiss und andererseits ist mein Rucksack mal wieder zu schwer. Stativ, Weitwinkel, Filter… tja, und auch das Tele musste mit – es könnte ja Steinböcke oder Bartgeier haben…

So gönnen wir uns die Gondelband bis Felskinn, wo zum Glück ein deutlich kühlerer Wind weht. Und gleich zu Beginn steht eine erste kleine Gletscherquerung an: über den Chessjengletscher erreichen wir das Egginerjoch, von wo aus wir unser Tagesziel, die Britanniahütte, bereits erspähen können. Eigentlich wäre sie in einem Katzensprung zu erreichen, wenn man nur einfach weiter queren könnte. Was man früher wohl auch konnte, doch mittlerweile ist hier statt ewigem Eis nur noch instabiles Geröll. Wir müssen also über 100 Höhenmeter in eine Mulde absteigen und anschliessend wieder hochkraxeln. Die dünne Luft macht sich spürbar und der Aufstieg dauert länger, als gedacht.

Auf der wunderschön gelegenen Hütte angekommen, entdecken wir den kleinen Gipfel in unmittelbarer Nähe, den ich mir sogleich für Sonnenauf- und -untergang vormerke. Es ist das Klein Allalin 3070m, das sich exakt gegenüber seinem grossen Bruder, dem Allalin 4027m, erhebt. Letzteres durfte ich vor einigen Jahren auch erklimmen, jedoch nicht von hier aus über den Hohlaubgrat, sondern über die einfachere Normalroute. Zum fantastischen Panorama gesellen sich weitere 4000er wie das Rimpfischhorn und das Strahlhorn. Und plötzlich auch ein Steinbock! Hat sich also das schleppen doch gelohnt! Gegen Abend kommen immer mehr, vorallem Steingeissen und jüngere Böcke, um die wenigen grünen Flecken rund um die Hütte abzugrasen.

Steinbock

Jungtier

Scheu war der nicht…

Auch er geniesst das Gletscherpanorama

Ich komme langsam ins Dilemma, ob ich Tier- oder Landschaftsfotos machen will, denn natürlich gibt auch letzteres hier oben einiges her! Obwohl ich mir abends und morgens etwas mehr Wolken gewünscht hätte. Dafür entscheide ich mich dann aber, mitten in der sternenklaren Nacht nochmals raus zu gehen und ein paar Aufnahmen zu machen, den sowohl Milchstrasse als auch Mond stehen günstig.

Abendstimmung am Klein Allalin

Milchstrasse über dem Strahlhorn

Britanniahütte bei Nacht

Blaue Stunde am nächsten Morgen

Die Bergspitzen beginnen zu leuchten

Alpenglühen über dem Mattmark Stausee

Sonnenaufgang auf dem Klein Allalin

Nach einer kurzen Nacht und einem ausgiebigen Frühstück nehmen wir Abschied von der Britanniahütte und starten den eigentlichen Glacier Trail. Seit etwas mehr als fünf Jahren verbindet dieser weiss-blau-weiss markierte Alpinwanderweg die Hütte mit dem Schwarzbergkopf 2868m. Der Höhepunkt ist die Querung zweier Gletscher, was bei guten Verhältnissen ohne spezielle Ausrüstung möglich ist (alpine Grundkenntnisse vorausgesetzt!). Den Hohlaubgletscher erreichen wir nach einem kurzen Abstieg durchs Geröll und über Blöcke und bald schon stehen wir auf dem Eis. Oder im Wasser…? Es ist erschreckend, wie viele Bachläufe sich hier gebildet haben – der Gletscher schmilzt uns buchstäblich unter den Füssen weg. Wir kommen problemlos voran, doch der Anblick stimmt mich schon sehr nachdenklich… Wir erreichen bald eine Fläche, wo sich ein kleines Gletscherseeli gebildet hat, in dem Eisblöcke schwimmen. Leider ist das Licht nicht sehr fotogen, aber ich habe trotzdem ein paar Aufnahmen gemacht. Und bei der Gelegenheit natürlich auch gerade ein paar Detailaufnahmen der Gletscher – die abstrakten Formen von Gletschereis, Spalten und Seracs faszinieren mich seit jeher und wer weiss, wie lange wir sie noch bestaunen dürfen…

Gletscherseeli

Eisblöcke schwimmen im Schmelzwasser

Gletscherstrukturen

Spaltenzone im Hohlaubgletscher

Gletscherdetails

Über eine weitere Geröllpassage erreichen wir den etwas breiteren Allalingletscher. Das selbe Bild präsentiert sich uns: überall Schmelzwasser in grossen Mengen. Mehr Freude habe ich an den Gletschermühlen und einem schönen Gletschertisch, die wir passieren. Etwas wehmütig verlassen wir das Eis und nehmen den kurzen aber sehr steilen Anstieg auf den Schwarzbergkopf in Angriff. Auf diesem schönen Aussichtsgipfel angekommen, geniessen wir ein letztes Mal das fantastische Gletscherpanorama. Ab hier befinden wir uns nun auf einem normalen, weiss-rot-weissen Bergweg, der im Zickzack zum Mattmarksee runter führt. Je tiefer wir kommen, desto mehr Alpenblumen säumen den Weg. Von unten glitzert der türkisfarbene Stausee verlockend und es wird mit jedem Schritt heisser. Fast zu unterst am See angekommen, überqueren wir eine Brücke über einen Bergbach. Er nahm den selben weg wie wir, von den Gletschern runter, und führt eine unglaubliche Menge tosendem Schmelzwasser zu Tale – Wasser, das uns irgendwann noch fehlen wird…

Nichts desto trotz haben wir diese spektakuläre Wanderung in vollen Zügen genossen und eigentlich kann ich allen nur empfehlen, diese Gletscher noch mit eigenen Augen anschauen zu gehen, solange wir noch können! Die Wanderung kann natürlich bei entsprechender Kondition (und vielleicht etwas weniger Fotoausrüstung im Rucksack…) auch in umgekehrter Richtung begangen werden. Bitte seid euch aber bewusst, dass ihr euch in hochalpinem Gelände befindet, welches gewisse Kenntnisse in Wetter & Alpinismus voraussetzen. Natürlich will ich hier niemanden unbedacht „anstiften“ und lehne jegliche Haftung ab. Disclaimer Ende. 🙂

Eckdaten

  • Route: Felskinn 2988mm – Egginerjoch 2988m – Britanniahütte SAC 3027m – Schwarzbergkopf 2868m – Mattmark Stausee 2195m (oder umgekehrt)
  • Höhenmeter: hoch 375m / runter 1140m (oder umgekehrt)
  • Kilometer: 10km
  • Zeit: reine Marschzeit je nach Verhältnissen ca. 4- 5h
  • Schwierigkeit: T4 (ab Schwarzbergkopf bis Mattmark T2), durchgehend markiert, auch Gletscherpassagen

iPhone Schnappschüsse von unterwegs

3 Kommentare

  1. Ursula P.
    24. Juli 2022
    Antworten

    Eindrückliche Fotos Mel.
    Vielen, vielen Dank dafür und den kurzweiligen Text dazu Es tut geradezu weh zu lesen: …..der Gletscher schmilzt unter den Füssen weg.. .

    ( und ich erinnere mich an meine jungen Jahre und wo damals, vor 40 J. , die Gletscher standen. Beim heutigen Anblick kommen einem geradezu die Tränen.
    Leider kann ich heute solche Touren nicht mehr machen. Daher freue ich mich über deine tollen Fotos hier und anderswo, wo ich sie sehe.

    Zusammen mit deinem Text hat man das Gefühl, auch noch ein bisschen oben zu sein…auch wenn‘ s nicht mehr machbar ist fuer mich. ( sniff)

    Lieben Gruss, heb dir Sorg.
    Aus der Fotocommunity
    Ursula

    • 24. Juli 2022
      Antworten

      Danke Ursula! Freut mich, dass du durch meine Bilder zumindest virtuell noch etwas die Berge und die Gletscher geniessen kannst – wer weiss, wie lange wir alle das noch können… Wünsche dir trotzdem einen schönen Sonntag Abend & morgen einen guten Start in die neue Woche!
      LG Mel

  2. Jeanette Müller
    5. August 2022
    Antworten

    Liebe Mel, immer wieder ein Höhepunkt in meinem „öden“ Büroalltag: Deinen Beitrag zu lesen und die tollen Fotos zu bestaunen. Danke für’s Teilen!! Lasse mich für einen kurzen Moment in den Gedanken weit weg tragen, hinauf auf die Berge. Träumen, Nachdenken, Planen…
    Übrigens: Die Handschuhe sind eingetroffen, hat alles bestens geklappt. Danke für Deine Unterstützung!!

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