Alpine Safari in Graubünden

Viele (Tier-)Fotografen träumen davon, einmal im Leben nach Afrika auf Safari zu gehen, um Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard vor die Linse zu bekommen. Mich hingegen faszinieren eher unsere heimischen Wildtiere. So mache ich mich diesen Sommer auf, in Graubünden die «Big Five» der Alpen zu finden: Rothirsch, Steinbock, Gämse, Steinadler und – das zugegeben nicht sehr grosse, aber nicht minder faszinierende – Murmeltier!

Wobei man mittlerweile eigentlich noch eine kleine Korrektur vornehmen müsste. Der wiederangesiedelte Bartgeier macht nämlich dem Steinadler den Titel «König der Lüfte» gehörig streitig. Anfang des 20. Jahrhunderts war er im gesamten Alpenraum ausgerottet. Zum Verhängnis wurde ihm die Unwissenheit und Angst von uns Menschen. Lämmer und sogar Kinder soll er geraubt und genüsslich in seinem Horst verzehrt haben. Im englischen Sprachraum wird auch heute noch oft der Begriff «Lammergeyer» verwendet. Hierzulande ist dank Aufklärungsarbeit die Bezeichnung Lämmergeier mittlerweile dem viel akkurateren Namen Bartgeier gewichen. Er bezieht sich auf den dunklen Bart oberhalb des Schnabels, der für diese Geierart typisch ist.

Die Wiederansiedlung der Bartgeier gilt als eines der grössten und erfolgreichsten Projekte in der Geschichte des Naturschutzes. Von Monaco bis Österreich kann man die majestätischen Vögel mittlerweile wieder fliegen sehen. In Graubünden unter anderem auch im Parc Ela, wo Ranger Andreas im Sommer regelmässig Gäste zu Greifvogel-Safaris mitnimmt. Auch ich darf heute von seinem grossen Wissen profitieren und mit ihm in ein abgelegenes Tal, in dem derzeit ein Bartgeier-Paar brütet. Der Jungvogel trainiert bereits seit Tagen seine Flügel und könnte jeden Moment ausfliegen. Ob er sich dafür jedoch ausgerechnet diesen heutigen Regentag aussucht, ist fraglich. Auch die Altvögel ziehen es vor, mehrheitlich in der Felswand Deckung zu suchen, um möglichst trocken zu bleiben. Wir hingegen sind mittlerweile ziemlich durchnässt, obwohl auch wir in Deckung bleiben und nur aus der Ferne beobachten, um die Familie möglichst nicht zu stören. Bei zu viel Trubel kann es nämlich schon mal vorkommen, dass Geier ihre Brut aufgeben, was man auf keinen Fall riskieren sollte!

Hirsche gesucht und Steinadler gefunden

Am nächsten Morgen wird mir so richtig bewusst, wie sich eine Safari in den Alpen von einer in Afrika unterschiedet: während die Gäste bei Letzterer im Geländefahrzeug herumchauffiert werden, kämpfe ich mich zu Fuss mit schwerem Gepäck den Berg hoch. Ich bin mit Wildhüter Sep-Antona im Val d’Err unterwegs. Es sei sein Lieblingstal, verrät er mir. Und ich begreife auch schon bald, warum: ist der Aufstieg erst mal geschafft, flacht das Gelände ab und gibt den Blick frei in eine wild-romantische Berglandschaft, die an Schönheit wirklich ihresgleichen sucht. Wir suchen derweil heute einen weiteren König, der des Waldes nämlich: den Rothirsch. Es wird wohl kein einfaches Unterfangen, denn ähnlich wie ich selbst, mögen Hirsche die Hitze nicht sonderlich und steigen im Sommer erstaunlich hoch in unzugängliches Gelände.

Nach einem feinen Znüni auf der Alp entscheiden wir, noch etwas weiter ins Tal vorzudringen und werden dafür belohnt: an einer steilen Bergflanke entdeckt Sep-Antona mit seinem Fernrohr tatsächlich eine grössere Herde. Während ich sie mit der Kamera versuche, so nah wie möglich heran zu zoomen, registriere ich im Augenwinkel plötzlich eine Bewegung. «Steinadler!», ruft Sep-Antona und kurz darauf werden wir Zeugen von einem veritablen Luftkampf zwischen zwei (vermutlich noch jungen) Steinadlern und zwei Turmfalken, welche um die Vorherrschaft eines Felsen kämpfen. So ist das manchmal auf Safaris: lange sucht man und findet nichts und auf einmal geschieht alles gleichzeitig…

Hitzetag bei den Gämsen

Für die Gämssafari dürfen wir jetzt doch auch Geländewagen fahren! Wildhüter Gieri holt uns nämlich mit seinem Jeep in Laax ab und spart uns so einige Höhenmeter. Er habe letzte Woche wiederholt an zwei Plätzen Gämsen gesichtet, erzählt er und führt uns nach einem kurzen Fussmarsch zum ersten dieser Plätze. Und tatsächlich können wir zwei Tiere im Geröllhang gegenüber beobachten. Wir warten auf das erste Morgenlicht und schiessen ein paar Fotos, bevor wir uns zum zweiten Beobachtungspunkt begeben. Beim Aufstieg kommen wir schon gehörig ins Schwitzen, obwohl es noch früh morgens ist. Und auch die Gämsen scheinen zu spüren, dass ein Hitzetag bevorsteht, denn die meisten von ihnen verstecken sich bereits im schattigen Wald. Ein Muttertier mit zwei Kitzen spaziert noch entspannt an uns vorbei, bevor es sich dann auch zum Rest der Herde gesellt. Wir beobachten sie noch eine Zeit lang, bevor wir ins Bergrestaurant weiterziehen und uns ebenfalls etwas abkühlen.

Bären, Katzen und Affen im Avers

Wir sind froh, dass wir den Nachmittag im Avers verbringen können, denn dieses Tal zählt zu den höchsten in Graubünden und auf über 2000 MüM sind die Temperaturen doch deutlich angenehmer. Allerdings braut sich kurz nach unserer Ankunft ein heftiges Gewitter zusammen und die abendliche Fotopirsch fällt buchstäblich ins Wasser. Tags darauf ist der Spuk vorbei und wir treffen Elsi am Startpunkt des Murmeltier-Lehrpfades. Sie hat ein enormes Wissen über die Tierwelt des Tals, insbesondere auch über die Murmeltiere, welches sie umfassend und unterhaltsam an uns weitergibt. Zum Beispiel, dass die erwachsenen Murmeltiere Bär (m) und Katze (w) genannt werden und der Nachwuchs Affen. Dazwischen machen wir immer wieder halt, um die kleinen Nager zu beobachten und fotografieren. Sie sind wirklich wunderbare Sujets durch ihre putzige Erscheinung und ihr geschäftiges Treiben. Ich kann gut verstehen, dass es Elsi nie langweilig wird bei ihren «Murmata».

Eine Audienz beim König der Alpen

Am letzten Tag wird’s nochmals royal: die Steinböcke am Schamserberg gewähren uns eine Audienz. Ähnlich wie die Bartgeier, haben auch die Steinböcke eine bewegte Geschichte hinter sich. Um 1650 waren sie im Kanton Graubünden ausgerottet, etwas später sogar in ganz Europa. Lediglich im italienischen Gran Paradiso Nationalpark überlebten etwa 100 Tiere, welche der damalige König durch Wildhüter beschützen liess. 1905 stellte der Schweizer Bundesrat eine offizielle Anfrage, einzelne Tiere zu kaufen, welche jedoch abgelehnt wurde. So schlug man etwas zwielichtigere Pfade ein und bestach einzelne Wildhüter, welche Kitze entführten und für teures Geld in die Schweiz schmuggelten. Im Wildpark Peter und Paul in St. Gallen wurden die Kitze dann von Hand aufgezogen. Durch Nachzucht hatte man bald eine kleine Herde beisammen und konnte 1911 die ersten Steinböcke im Weisstannental (SG) auswildern. Weitere Ansiedlungen im Gebiet des Nationalparkes Graubünden, Augstmatthorn (BE) oder Mont Pleureur (VS) folgten. Mittlerweile leben wieder rund 14’000 Steinböcke in der Schweiz und sie alle stammen von den aus Italien geschmuggelten Tiere ab.

Der Schamserberg gehört zum Revier der Safien-Rheinwald Kolonie, welche etwa 350 Tiere umfasst. Zusammen mit Exkursionsleiter Magnasch machen wir uns am späten Nachmittag auf, einige von ihnen zu suchen. Der Naturpark Beverin ist weitläufig und teils schroff – eine Steinbocksafari hier ist kein Zuckerschlecken. Doch wir haben Glück: nach einem etwa einstündigen Aufstieg erspähen wir mit dem Feldstecher vier stolze Böcke, welche sich an einem saftig grünen Berghang den Bauch vollschlagen. Wir kraxeln weglos weiter zu ihnen hoch und werden dabei neugierig beäugt. «Ihr könnt schon lachen», denke ich mir, während ich erschöpft nach Luft schnappe und die Kamera auspacke. Nach dem ich ein paar Bilder gemacht (und meinen Puls wieder auf Normalgeschwindigkeit gebracht) habe, versuche ich vorsichtig, mich noch in eine etwas bessere Fotoposition zu bringen. Zu meiner Freude dulden die Tiere mich lange in ihrer Nähe. Während zwei von ihnen wiederkäuend im Hang liegen und die Aussicht geniessen, scheinen die anderen regelrecht zu posieren.

Begeistert von dieser Steinbock-Safari, machen wir uns tags drauf in den frühen Morgenstunden gleich nochmals auf den Weg. Doch dieses Mal können wir «nur» aus der Ferne eine Herde Steinböcke beobachten – dafür gleich 23 (!) Stück. Wir stehen auf der «Farcletta digl Lai Grand», dem 2661m hohen Pass ins Safiental, geniessen die Morgensonne, bestaunen die imposanten Gipfel um uns herum und schauen immer wieder mit dem Feldstecher zu der Herde hinüber, wo wir mittlerweile auch ein paar einzelne Gämsen entdeckt haben. Ich war zwar noch nie in Afrika auf einer «richtigen» Safari, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass dies hier noch zu toppen wäre!

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Disclaimer

Dieser Erlebnisbericht entstand in Zusammenarbeit mit Graubünden Ferien. Er wird in leicht abgeänderter Form und mit zustätzlichen Impressionen in der Beilage der Dezember-Ausgabe des Transhelvetica Magazins erscheinen – erhältlich am Kiosk oder im Abo. Leser meines Blogs dürfen sich wie immer auf meine absolut persönliche Erfahrung und Meinung verlassen.

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