Hirschbrunft

Es ist noch stockfinstere Nacht, als ich mutterseelenalleine durch den Wald laufe. Etwas mulmig ist mir schon; die mystischen Nebelfetzen und das „u-uuuuh“ der Eulen helfen dabei nicht unbedingt. Ich höre aber auch bereits von weitem das Röhren der Hirsche, welches mich mit Vorfreude und positiven Gedanken erfüllt!

Ich bin unterwegs zu einem kleinen Hügel, welcher mir ein Fotograf tags zuvor für den Sonnenaufgang empfohlen hat. Es wird langsam heller und zu meiner Freude wird auch der Bodennebel immer dichter. Genau von so einer Morgenstimmung habe ich die letzten Monate und Wochen geträumt.

Den Entschluss, diesen Herbst in England die Hirschbrunft zu dokumentieren, habe ich bereits Anfang Jahr gefasst. Es sollte eines meiner fotografischen Hauptprojekte für 2018 werden. So habe ich mich bereits frühzeitig mit Locationscouting und Buchung von Flug und Hotel beschäftigt. Jetzt musste nur noch das Wetter mitspielen und damit hatte ich bisher in Grossbritannien nicht unbedingt ein glückliches Händchen.

Aber dieses Mal passt wirklich alles! Die Herbstfarben erstrahlen bereits in voller Pracht, den Tag durch Sonnenschein und die Nacht hindurch frische Temperaturen, was für Morgennebel sorgt. Und die Rothirschbrunft ist auf dem Höhepunkt! Bereits beim ersten Besuch im Gebiet höre ich die Hirsche von weitem. Das Aufspüren ist dank dieser „akustischen Spuren“ einfach. Auch das Fotografieren selber ist weniger aufwändig als in der Schweiz, wo man Hirsche in der Regel nur mit Tarnung aus einem Versteck heraus vor die Linse bekommt. Es ist schon faszinierend zu sehen, wie sie hier, wo sie nicht bejagt werden, deutlich „zutraulicher“ sind. Dasselbe Phänomen kann man auch in den Alpen beobachten, beispielsweise bei Steinböcken, welchen man sich in Jagdbanngebieten mit etwas Geduld teilweise bis auf wenige Meter nähern kann.

Bei brunftigen Hirschen empfiehlt es sich allerdings nicht, allzustark auf Tuchfühlung zu gehen. Haben die Stiere ihr Revier einmal bezogen, verteidigen sie es bis aufs Letzte – dabei könnte auch ein Mensch als Konkurrent angesehen werden! Mit ihrem lautstarken Röhren, welches vor allem während der Dämmerung erklingt, locken sie die weiblichen Tiere zu sich. Oder männliche Herausforderer. Einem spektakulären Revierkampf konnte ich leider nicht beiwohnen; wahrscheinlich ist die Brunft bereits soweit fortgeschritten, dass die Plätze bezogen und die Rangordnungen geklärt sind. Anhand der Postur und der Grösse des Geweihes kann man Alter und Stärke der Männchen erahnen. Sie werden in der Jägersprache auch auf Grund der Anzahl ihrer „Geweih-Spitzen“ als bspw. „12er“ oder „14er“ benannt.

Einen stattlichen „12er“, der ein Harem von mindestens 18 (!) Hirschkühen um sich geschert hat, kann ich über längere Zeit beobachtet. Die Gruppe hat sich ein schönes Schattenplätzchen unter einem Baum gesucht, um sich auszuruhen und äsen. Ab und zu macht der Hirsch bei einer Dame seiner Wahl Avancen, indem er sie erst beschnuppert und ihr anschliessend über das offene Feld hinterher jagt. Der Arme ist ganz schön im Stress, denn er muss sich auch wie ein „Hirtenhund“ bemühen, potentielle Ausreisserinnen wieder in die Gruppe zu treiben.

In der Region leben neben diversen Vögeln und Eichhörnchen auch Damhirsche. Sie sind etwas kleiner als Rothirsche und haben ein getüpfeltes Fell. Meinte ich jedenfalls, bis ich plötzlich einem komplett weissen Tier gegenüber stehe! Es lebt zusammen mit seiner Herde in einem kleinen Waldstück, Männchen und Weibchen gemischt. Ihre Brunft beginnt etwas später, ca. Mitte Oktober.

Der zu Beginn dieses Blogs erwähnte Morgen entpuppt sich zum Highlight dieser abwechslungsreichen Tage bei den Hirschen. Ich bin mittlerweile an „meinem“ Sonnenaufgangsspot angekommen und entdecke, nach dem ich ein paar Landschaftsaufnahmen gemacht habe, am Horizont die Silhouette dreier Hirsche. Vorsichtig pirsche ich mich an und treffe unterwegs einen weiteren Fotografen. Zusammen warten wir geduldig auf das Licht, welches die nebelverhangene Landschaft in ein glühend rotes Wunderland verwandelt. Vor lauter Staunen vergesse ich schier, den Auslöser zu drücken – was für ein Morgen! Das dies der bisher wunderbarste Sonnenaufgang der Saison ist, bestätigt mir auch der andere Fotograf: es ist Jules Cox, ein begnadeter Wildlife-Fotograf aus der Region. Und wenn einer das beurteilen kann, dann er. Zu gerne wäre ich noch ein paar Tage länger in dieser schönen Gegend geblieben und hätte auf ähnliche Stimmungen gehofft, doch der Herbst in der Schweiz wartet ebenfalls auf mich! Aber: England, i’ll be back!

Ein Kommentar

  1. 9. Oktober 2018
    Antworten

    Hallo Mel. Du hast dieses eindrückliche Schauspiel mit sehr stimmungsvollen Bildern festhalten können!
    Ich wurde Anfang September in Polen mit dem „Brunftvirus“ angesteckt, hatte allerdings nicht so viel Erfolg mit Fotografieren. Seither war ich auch noch ein paar mal im Justistal und auch wenn man sich da zuweilen wie im Dählhölzli vorkommt (Menschenmassen) war es sehr beeindruckend.

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